Vereinsgeschichte Turnverein Lausen von 1899 bis 1919

1899 Die Gründung

Das Ende einer ‘guten’ alten Zeit.

Wie ‘gut’ war diese Zeit, als es ein paar Jünglinge wagten, auch in Lausen einen Turnverein zu gründen? Was bewegte und kümmerte damals die Menschen? Hatten sie keine anderen Sorgen, als sich um eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung zu bemühen? Vor welchem Hintergrund spielte sich die Gründung unseres Vereins ab?

Ein Blick in die ‘Basellandsachaftliche Zeitung’ jener Tage zeigt uns auszugsweise einige damals aktuelle Tagesfragen.

Das Posamentern (Herstellung von Seidenbändern) läuft gut. Die Elektrizität wird eingeführt, und die ersten Versuche, die Webstühle mit der neuen Energie anzutreiben, werden unternommen. In Liestal wird die Elektra Baselland gegründet. In Lausen nimmt die Verblendsteinfabrik ihren Betrieb auf. Überall werden Mähmaschinen-Kurse durchgeführt, um die Bauern mit neuen Arbeitsmethoden bekannt zu machen.

Brot ist teuer und kostet 30 Rappen das Kilo. Kalbs- und Schweinefleisch kosten Fr. 1.60.

Ein Schlosser verdient, in städtischen Verhältnissen, zwischen 32.- und 40.- Franken pro Woche, während ein Laternenanzünder auf ca. 70 Franken pro Monat einnimmt.

In Basel streiken die Kaminfeger und in Paris die Briefträger. In Bern herrscht hohe Arbeitslosigkeit. Das Automobil steckt noch in den Kinderschuhen.

Anstelle der heutigen Strassenverkehrsunfällen gehören Unfälle sowie Entgleisungen der Eisenbahnen in aller Welt zum Alltäglichen und füllen die Zeitungsspalten.

Der Befreiungskrieg auf Kuba ist soeben zu Ende gegangen, und der Burenkrieg in Südafrika steht vor dem Ausbruch. In Paris treibt der Dreyfus-Skandal seinem Höhepunkt entgegen und schleppt sich dahin wie 75 Jahre später die Watergate Affäre in Amerika.

Sicher bewegten diese Dinge die damaligen Lausner Einwohner mehr, als das vorhaben der fünf jungen Männer, die sich am 18. Juni 1899 zusammenfanden um den Turnverein Lausen aus der Taufe zu heben.

Folgende fünf Männer gründeten den Turnverein Lausen:

 

  • Jakob Madöry

  • Jakob Grieder

  • Jakob Tschudin

  • Emil Oberer

  • Fritz Bollier

Nachdem sich fünf weitere Jünglinge dem noch jungen Verein angeschlossen hatten, konnte dieser unter der administrativen Leitung von Fritz Bollier (Präsident) und dem turnerischen Kommando von Emil Oberer (Oberturner) den Turnbetrieb aufnehmen. Dies wahr aber infolge fehlender Geräte ein schwieriges Unterfangen. Freundlicherweise stellte der Turnverein Liestal vorübergehend einen Barren und ein Pferd kostenlos zur Verfügung. Gleichzeitig wurde der noch junge Verein zum 40jährigen Bestehen des Turnverein Liestal eingeladen.

Mangel Vorübung beteiligte sich nur der Oberturner aktiv am Wettkampf. Doch der Wille etwas zu lernen war vorhanden. Deshalb entschlossen sie sich, das kantonale Schauturnen in Ormalingen zu besuchen., wo man sich aber wiederum nur mit “kiebitzen” begnügte.

Dank der Initiative des Kassier, der dem Verein das fehlende Geld vorstreckte, konnte bald ein eigener Barren angeschafft werden, der zusammen mit dem von der Gemeinde Lausen zur Verfügung gestellten Stemmbalken, den Eisenstäben, sowie einigen Sprungseilen das bescheidenen Geräteinventar bildete. Derart ausgerüstet trat der Verein erstmals mit einer Vorführung an die Öffentlichkeit. Diese war so erfolgreich, dass sie wiederholt werden musste, die Schulden für den Barren bezahlt und eine eigene Theaterbühne angeschafft werden konnte.

Im ersten Vereinsjahr wurde auch schon eine Turnfahrt durchgeführt. Diese führte am 10. September 1899 via Seltisberg - Büren - Bretzwil auf den Passwang und danach über Reigoldswil - Oberdorf - Hölstein zurück nach Lausen. Berechtigterweise fand im ersten Jahresbericht des Präsidenten diese Turnfahrt mit dem Eintrag ‘etwas strapaziösen Marsch” Einzug.

Mit dem Einzug des Winters wurde die Lösung nach einem geeigneten Turnlokal akut. Ein Gesuch an den Gemeinderat um Überlassung eines Schulraumes, sowie einer Bitte um Subvention an den jungen Verein wurde abgelehnt. Nach langem suchen wurde dann mit der Scheune von Herrn Schaffner eine für diesen Winter befristete Lösung gefunden werden.

1900 - 1909 Die Pionierzeit

Sicher hatte der noch junge Verein mit Schwierigkeiten aller Art zu kämpfen. Dies ist auch daraus ersichtlich, dass zum Beispiel im Jahre 1900 nicht weniger als 16 Vorstands- und 14 Vereinssitzungen abgehalten werden mussten. Besonders Auffallend waren die vielen Wechsel im Vorstand. Oft mussten diese mitten im Vereinsjahr vorgenommen werden. Der Verein wurde auch nicht von internen Reibereien verschont, so dass in den Jahresberichten schon bald von Ausschlüssen und Austritten die Rede war. Überhaupt wurden die Statuten äusserst Streng ‘gelebt’, da bereits im Jahre 1900 nebst dem Ausschluss von 2 Aktiven Turnern auch die Streichung von nahezu der Hälfte aller Passivmitglieder wegen Nichtbezahlung Ihrer Beiträge vermerkt wurde.

Erfreuliches konnte aber dennoch berichtet werden. So wurde am 4. Juli 1900 unser Verein in den Kantonal-Turnverband aufgenommen, und trat schon am 30. September desselben Jahres am Bezirks-Schauturnen in Füllinsdorf erstmals vor fachkundigen Kritikern auf.

Auch das Eierlesen war im Frühling des Jahres 1900 zum erstenmal organisiert worden.

Problematisch war weiterhin das Turnlokal, das im zweiten Vereinsjahr in die Scheune der Witwe Grauwiler-Grauwiler verlegt werden musste. Bis zum Ende des Jahrzehnts sollte dies auch das Turnlokal für den Turnverein Lausen bleiben, doch fast jeden Winter musste der Turnbetrieb wegen der grossen Kälte während ca. zwei Monaten eingestellt werden.

Im Jahre 1904 erhielt unser Verein seine erste Fahne, welche vom Kunstmaler, Herrn Wilhelm Ballmer aus Liestal gemalt wurde. An der Einweihung am 19. Juni 1904 nahm der Turnverein Liestal als Patensektion teil, während unser Verein dieses Amt bereits 1903 bei der Fahnenweihe des Turnvereins Frenkendorf ausgeübt hatte.

Im Oktober 1909, also im 10. Vereinsjahr, wurde das neue Schulhaus (heute Mühlemattschulhaus) eingeweiht. Ein Teil des Untergeschosses war als Turnkeller ausgebaut worden, so dass nun endlich ein richtig beleuchtetes und beheiztes Turnlokal zur Verfügung stand. Während 30 Jahren sollte dieser Raum seinen Zweck als Turnlokal mehr schlecht als recht erfüllen. Im Dachstock desselben Gebäudes lag der Gemeindesaal. Dieser diente als Schauplatz von vielen Turn- und Theateraufführungen des Turnverein Lausen.

1910 - 1919 Der Aufbau

Das neue Turnlokal wurde laut den Jahresberichten sehr fleissig benutzt, wenn es auch 1910 als bescheiden und etwas öde und 1912 sogar als winzig bezeichnet wurde. Dieses Jahr 1912 kann als ein erster Höhepunkt bezeichnet werden, brachte aber ein ungewöhnliches Mass an Arbeit. Am 5. bis 12. Juli wurde in Basel erstmals ein Eidgenössisches Turnfest besucht, und schon 6 Wochen später mit dem Bezirksturnfest der erste Turnanlass auf Lausner Boden organisiert. Als Präsident des Organisationskomitees wirkte Jakob Madöry, seit Bestehen des Vereins im Vorstand vertreten und im Festjahr gleichzeitig Vereinspräsident.

Eine schwere Beeinträchtigung des Vereinslebens brachte der erste Weltkrieg. Wahrend der 4 Jahre von 1914 bis 1918 war von den jungen Turnern nicht nur der Grenzdienst zu leisten, sondern auch das Turnlokal wurde immer wieder militärisch belegt.

Trotz dieser Schwierigkeiten wurde es mitten im Krieg, 1916, gewagt, den Kantonalturntag zu organisieren, der 1914 in Liestal hätte stattfinden sollen, und der infolge des Kriegsausbruches verschoben werden musste.  Als Präsident des Organisationskomitees zeichnete diesmal Herr C. A. Meyer verantwortlich.

Auch die beiden folgenden Jahre mussten noch unter erschwerten Bedingungen durchgestanden werden. Zu den bereits erwähnten Problemen kam nun noch die Grippe, die den Turnbetrieb lähmte, indem die Turnstunden auf gesundheitspolizeiliche Verfügung hin eingestellt werden mussten.

1919 schien sich endlich wieder ein normaler Ablauf des Vereinslebens anzubahnen. Aber interne Schwierigkeiten mit einzelnen Mitgliedern hätten den Verein sozusagen beinahe ruiniert, wie es im Jahresbericht heisst. Nach zweimonatigem Unterbruch wurden aber die Turnstunden wieder aufgenommen.

So dürfen wir also mit Stolz behaupten, dass es uns gelungen ist, das Vereinsschiffchen unbeschadet über die Klippen dieses turbulenten Jahrzehntes hinweg zu bringen. Der Verein hat nun bereits ein Eidgenössisches Turnfest besucht und sich zweimal als Organisator von turnerischen Anlässen bewährt. Auf dieser Grundlage kann weitergebaut werden.

 

Vereinsgeschichte Turnverein Lausen von 1920 bis 1939

1920 - 1929 Der Ausbau

Eine neue Zeit ist angebrochen. Es hat sich gezeigt, dass man nach dem Krieg nicht einfach dort weiterfahren konnte, wo man 1914 aufgehört hatte. Auf allen Lebensgebieten, von der Politik über die Musik bis zur Mode wurden neue Strömungen sichtbar. Das alles konnte auf den Verein nicht ohne Einfluss bleiben.

In den sehr ausführlich gehaltenen Jahresberichten der 20er Jahre fällt zuerst ein starker Aufschwung des Einzelturnens auf.  Jährlich konnten zahlreiche Erfolge verzeichnet werden. Auch das volkstümliche Turnen, ab Mitte des Jahrzehntes mit dem moderneren Ausdruck Leichtathletik bezeichnet, hatte bei uns Fuss gefasst.

Auch über die jährlichen Turner- und Theater Aufführungen ist erstmals näheres zu erfahren. In der Regel wurde neben turnerischen Nummern ein Schauspiel in mehreren Bildern aufgeführt. In dieser Hinsicht hatte man sich aber im Jahre 1924 offenbar mit einem Drama in 5 Akten doch etwas übernommen, so dass man sich in Zukunft auf leichtere, humoristische Kost und mehr Nachdruck auf den turnerischen Teil konzentrierte.

Nach diesem Abschweifen auf ein Randgebiet des Vereinslebens müssen wir uns aber den entscheidenden Punkten des dritten Jahrzehntes zuwenden. Nachdem die Teilnahme am Eidgenössischen Turnfest in St. Gallen 1922 nicht zustande gekommen war, konzentrierte man sich um so stärker auf dasjenige von Genf 1925. Dreizehn Jahre waren vergangen seit dem letzten derartigen Unternehmen. Doch die Bemühungen lohnten sich.  Die Tage in Genf vom 17. bis 21. Juli, und vor allem der begeisterte Empfang nach der Rückkehr waren für die Beteiligten ein grosses Erlebnis.

Entscheidend für die Zukunft war aber die allmählich gewonnene Erkenntnis, dass der Verein, wenn er weiterbestehen wollte, ausgebaut, in die Breite entwickelt werden musste. Ein erster Schritt dazu war die Gründung der Männerriege im Jahre 1925, die es manchem alten Kämpfer ermöglichte, auch nach seinem Rücktritt von den Aktiven noch bei der Stange zu bleiben.

Die Wandlung in den Ansichten über Turnen und Sport kamen aber auch dadurch zum Ausdruck, dass schon zwei Jahre später, 1927 die Damenriege als Untersektion des Turnvereins gegründet wurde.  Dadurch begann das Turnen aus einer reinen Männersache zu einer Angelegenheit für alle zu werden.

Und da aller guten Dinge drei sind, wurde 1928 auch gleich noch die Knaben-Jugendriege gegründet. Hiermit war die Grundlage geschaffen, die zukünftigen Turner schon frühzeitig für unsere Sache zu begeistern.

Ebenfalls im Jahre 1928 war es unserem Verein vergönnt, nach mehrmaligen vergeblichen Bewerbungen am 21. Mai das Kantonale Schwingfest durchfuhren zu dürfen. Als Organisatoren amteten die beiden bewährten 0.K.- Präsidenten von 1912 und 1916, die Ehrenmitglieder C.A. Meyer und Jakob Madöry.

Trotz der grossen Arbeit die für dieses Fest geleistet werden musste, wurde vom 20.- 24. Juni das Eidgenössische Turnfest in Luzern besucht.

Im Anschluss an dieses Fest konnte in Lausen erstmals ein eidgenössischer Kranzturner gefeiert werden: Paul Roth hatte in der Leichtathletik das Olivenlaub errungen.

Damit ist auch das dritte Jahrzehnt glücklich überstanden. Der Verein wurde kräftig ausgebaut. Aus einer Riege sind nun deren vier geworden, und die Weichen für die zukünftige Entwicklung sind gestellt.

1930 - 1939 Die Festigung

Dass trotz allem Neuen auch die Tradition nicht vergessen wurde zeigt die Tatsache, dass noch immer alljährlich das Eierlesen durchgeführt wurde. 1930 geschah dies erstmals in Zusammenarbeit mit dem Musikverein Lausen. Was bei den Männern 29 Jahre gedauert hatte, schaffen die Damen in bloss 4 Jahren: Die Angliederung einer Jugendriege. 1931 fand die Gründung der Mädchen-Jugendriege statt. Über 5 Riegen wehte nun unser Vereinsbanner. Doch leider zeigten sich bei diesem nun doch schon starke Schäden, so dass an einen Ersatz gedacht werden musste. Am 3. Juli 1932, noch vor dem Besuch des Eidgenössischen Turnfestes in Aarau, wurde das von Oberturner Karl Grieder entworfene Banner eingeweiht. Als Patensektion amtete der Turnverein Frenkendorf.

1934 wurde unser Verein wiederum mit der Durchführung des Bezirksturnfestes betraut. Unter Führung der Ehrenmitglieder     Traugott Ballmer und Vizechef Paul Ballmer ging es am 26.  August flott über die Bühne.

Mit Datum vom 22. Dezember desselben Jahres richteten die Ortsvereine gemeinsam ein Gesuch an den Gemeinderat, man möge dem in Aussicht genommenen Schulhaus-Neubau eine Turn- und Konzerthalle angliedern, da nach 25 Dienstjahren sowohl der Turnkeller als auch der Gemeindesaal den gewachsenen Anforderungen nicht mehr genügen.

Es sollte aber noch mancher Tropfen Wasser die Ergolz hinunter fliessen, bis das Projekt verwirklicht wurde.

Auf das Eidgenössische Turnfest in Winterthur 1936 wurde jedenfalls unverdrossen geübt, obwohl im Frühjahr die Gemeindeversammlung den Turnhallen-Bau abgelehnt hatte. Man könnte annehmen, dass aus einer Trotzreaktion heraus in Winterthur das höchste Resultat der bisherigen Vereinsgeschichte herausgeturnt wurde.

1937 wandte sich die Turnhallen-Angelegenheit aber doch zum Besseren, denn in einem zweiten Anlauf wurde der Bau beschlossen. Und schon 1938, im Schatten der sich anbahnenden kriegerischen Ereignisse, auch in Angriff genommen. Auf den 29. August 1939 war die Inbetriebnahme der Halle vorgesehen. Es sollte nicht sein. Der zündende  Funke war auf das politische Pulverfass Europa übergesprungen, und genau am 29. August zogen statt der Scharen im weissen Gewand die feldgrauen Scharen der mobilisierten Grenztruppen in die nagelneue Halle ein.

Fassen wir, wie wir das nun bereits gewohnt sind, die Ereignisse des vierten Jahrzehnts zusammen: Trotz der in den Jahresberichten beschriebenen, oder nur am Rande oder gar nicht erwähnten Rückschlägen und Schwierigkeiten dürfen die vergangenen zehn Jahre doch auch als eine Zeit der Festigung angesehen werden.  Alle um die Jahrzehnt Wende gegründeten Riegen haben sich zu kräftigen Gliedern des Vereins entwickelt. Zahlreich sind auch die Erfolge der Einzelturner, auf die hier leider nicht detailliert eingegangen werden kann. In den Jahresberichten nicht namentlich erwähnt sind auch diejenigen Turner, die sich in der Baukommission mit der zähen Materie des Turnhallen-Baus abgemüht haben. Nicht zuletzt dank ihnen ist die neue Halle nun Wirklichkeit. Aber wann kann sie zum ersten Mal benutzt werden?